{"id":42,"date":"2010-05-19T22:01:56","date_gmt":"2010-05-19T21:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hartz4-muss-weg.de\/?p=42"},"modified":"2010-05-27T23:43:40","modified_gmt":"2010-05-27T22:43:40","slug":"hauptsache-arbeit-fragt-die-jeden-monat-demo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hartz4-muss-weg.de\/?p=42","title":{"rendered":"Hauptsache Arbeit? fragt die Jeden-Monat-Demo"},"content":{"rendered":"<p>Die 13. Jeden-Monat-Demo am 19.05.2010 stellte die Gretchenfrage: Wieso &#8220;Hauptsache Arbeit&#8221;? Hier das Skript der Rede zur Abschlusskundgebung von Manfred Bartl:<\/p>\n<p><strong>Liebe Mainzerinnen und Mainzer!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Liebe gerade nicht Arbeitenden!<\/strong><\/p>\n<p>Hauptsache Arbeit?<\/p>\n<p>Wir stellen Euch heute die Gretchenfrage. Nicht zuletzt ist <em>dies<\/em> unser Mittel, mit dem wir  gegen den vom Neoliberalismus gepr\u00e4gten Zeitgeist demonstrieren. Hauptsache Arbeit?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte die Frage konkretisieren. So ist schlie\u00dflich das Programm derer gemeint, die bei Euch mit dem Slogan \u201eHauptsache Arbeit!\u201c hausieren gehen und Euch im heimischen Wohnzimmer davon \u00fcberzeugen wollen, dass es toll w\u00e4re, wenn doch jeder eine Arbeit h\u00e4tte, wenn jeder einen Arbeits<em>platz<\/em> h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Hauptsache Arbeit?<\/p>\n<p>Hauptsache Erwerbsarbeit??<\/p>\n<p>Hauptsache <em>irgendeine<\/em> Erwerbsarbeit???<\/p>\n<p>Kann man bei solchen Phrasen noch von einer aufgekl\u00e4rten Gesellschaft sprechen?<\/p>\n<p>Kann denn ausgerechnet <em>Arbeit<\/em> \u201edie Hauptsache\u201c sein, also das, zu dessen Beseitigung Zivilisation und Kapitalismus \u2013 letzterer namentlich der Rationalisierung \u2013 angetreten sind?<\/p>\n<p>Ist es denn ein Naturgesetz oder ein Sachzwang, dass andere T\u00e4tigkeiten wie Ehrenamt, Hausarbeit oder Kindererziehung gar nicht gelten?<\/p>\n<p>Muss Erwerbsarbeit denn nicht sinnstiftend, existenzsichernd sowie gesellschaftlich und volkswirtschaftlich sinnvoll organisiert sein?<\/p>\n<p>Wenn man in Hartz IV ger\u00e4t und einen neuen Vollzeitarbeitsplatz sucht, ist das erste Anliegen des Jobcenters, den kommunalen Haushalt auf Kosten des Betroffenen zu sanieren: Bewilligungen zu verschleppen, ALG II so gering wie m\u00f6glich auszuzahlen, Sanktionen auszusprechen.<\/p>\n<p>Das zweite Anliegen des Jobcenters ist die Statistikbereinigung: Wer in Ma\u00dfnahmen, Ein-Euro-Jobs oder schlicht beim privaten Jobvermittler geparkt ist, wird nicht mehr als Arbeitsloser gez\u00e4hlt und f\u00e4llt aus der Statistik; in den Medien wird aber nicht die tats\u00e4chliche Arbeitslosenzahl vermeldet, sondern nur das derart gef\u00e4lschte ILO-Konstrukt.<\/p>\n<p>Neben den <em>unrechtm\u00e4\u00dfigen<\/em> Methoden des Jobcenters besteht die M\u00f6glichkeit, dass man in einen 400-Euro-Job \u201evermittelt\u201c wird, einen Mini-Job, der der gesuchten Vollzeitstelle nat\u00fcrlich nicht entspricht und der die Hilfebed\u00fcrftigkeit nicht beseitigt, sondern nur reduziert; als \u201eAufstocker\u201c lassen die Repressalien des Jobcenters aber kaum nach.<\/p>\n<p><em><strong>Hauptsache Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Vielleicht f\u00fchrt der 400-Euro-Job den Arbeitslosen zu einem Discounter an die Kasse. Dort muss man tagein, tagaus die Waren, die Kunden selbst auf das Transportband legen m\u00fcssen, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck am Scanner vorbeif\u00fchren, bis es piepst, und schlussendlich abkassieren. Nach g\u00e4ngigen Definitionen ist diese T\u00e4tigkeit weder produktiv noch eine Dienstleistung, auch keine gesellschaftlich relevante Vermittlungst\u00e4tigkeit, da der einzige, der davon profitiert, der Besitzer des Discounters mit seiner stimmigen Bilanz ist, und damit <em>keine Arbeit<\/em> im eigentlichen Sinne. \u2013 Es ist daher auch zu begr\u00fc\u00dfen, dass Technik wie RFID-Chips als Ersatz f\u00fcr Barcodes diese T\u00e4tigkeit \u00fcberfl\u00fcssig machen wird; die Bilanz stimmt automatisch, sobald man \u2013 ohne jeden Zwischenstopp an einer Kasse \u2013 den Laden verl\u00e4sst.<\/p>\n<p><em><strong>Hauptsache Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Hat der Arbeitslose auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Erfolg, schickt ihn so mancher Fallmanager <em>direkt<\/em> in einen Ein-Euro-Job, obwohl der Ein-Euro-Job eine Integrations\u00adma\u00dfnahme f\u00fcr Leute sein soll, denen \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 ein Kaltstart auf dem ersten Arbeitsmarkt ohnehin nicht gelingen w\u00fcrde. <em>Hinterher<\/em> h\u00e4ngt nat\u00fcrlich auch all jenen, die den Ein-Euro-Job <em>nicht<\/em> br\u00e4uchten, dieses Stigma an! Und das f\u00fcr ein paar Euro mehr im Monat und einen \u201egeregelten Tagesablauf\u201c sowie das \u201eGef\u00fchl gebraucht zu werden\u201c, das man sich genausogut im Ehrenamt verschaffen k\u00f6nnte. Hinzu kommt die volkswirtschaftliche Zerst\u00f6rungskraft der Ein-Euro-Jobs: Das ARD-Magazin MONITOR zeigt am morgigen Donnerstag, den 20.05.2010 ab 22 Uhr den Beitrag \u201e<a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/tv\/monitor\/\">Gute Arbeit f\u00fcr wenig Geld: Wie Besch\u00e4ftigungsma\u00dfnahmen regul\u00e4re Jobs verdr\u00e4ngen<\/a>\u201c.<\/p>\n<p><em><strong>Hauptsache Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die neue Arbeitsministerin, die altbekannte \u201eZensursula\u201c von der Leyen, hat k\u00fcrzlich angek\u00fcndigt, Alleinerziehende \u201e<em>bevorzugt<\/em>\u201c vermitteln zu wollen. Ich wei\u00df nicht, wie es Euch dabei ergeht,<\/p>\n<p>liebe Mainzerinnen und Mainzer,<\/p>\n<p>aber ich verstand diese Ank\u00fcndigung als <em>Drohung<\/em>! Glaubt jemand ernsthaft daran, dass Alleinerziehende \u2013 bei all ihrer unbezahlten Arbeit \u2013 nichts sehnlicher w\u00fcnschen als die Vermittlung in <em>noch mehr<\/em> Arbeit, wahrscheinlich trotz Vollzeit schlecht bezahlte, wom\u00f6glich sinnlose Erwerbsarbeit weitab von jeder Kinderbetreuung, von innerbetrieblicher Betreuung ganz zu schweigen?<\/p>\n<p><em><strong>Hauptsache Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Jugendliche werden nach Abschluss der Schule immer h\u00e4ufiger <em>ohne<\/em> Lehrstelle und damit praktisch ohne jede Perspektive in Ma\u00dfnahmen geparkt. Sind sie auf Hartz IV ange\u00adwiesen, drohen Vollsperrungen durch das Jobcenter, wenn sie auch nur einen Jota von einer Route abweichen, die ihnen gr\u00f6\u00dftenteils aufgen\u00f6tigt wurde. Und das, obwohl das Bundesverfassungsgericht das ALG II zur grundrechtlichen Garantie erhoben hat!<\/p>\n<p><em><strong>Hauptsache Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich die Arbeitenden selbst. Wof\u00fcr arbeiten sie? Einer Studie zufolge, befindet sich die Mehrheit der Arbeitenden im Zustand der inneren K\u00fcndigung, weil sie den Sinn ihrer Arbeit entweder f\u00fcr die Gesellschaft oder f\u00fcr sich selbst nicht (mehr) erkennen. Ihre Wertsch\u00f6pfung wird ihnen zu einem gro\u00dfen Teil abgezogen, um damit soziologische \u2013 und von vornherein zum Scheitern verurteilte \u2013 Experimente wie die die Riester-Rente und die Kopfpauschale durchzuf\u00fchren. Sie m\u00fcssen mittels Hartz IV \u201eHilfebed\u00fcrftige\u201c mittragen, die in ihrer Mehrheit <em>per se<\/em> gar nicht hilfebed\u00fcrftig sind, sondern Opfer eines millionen\u00adfachen Ausschlusses durch vorwiegend die Arbeitgeber, aber auch durch ihre Kolleginnen und Kollegen, die sich Arbeitszeit<em>verl\u00e4ngerungen<\/em> nahezu widerstandslos gefallen lassen, statt Arbeitszeit\u00ad<em>verk\u00fcrzungen<\/em> durch\u00adzusetzen. Sie m\u00fcssen Banken retten, indem die Regierung die virtuellen Schuldenl\u00f6cher  der Banken durch echtes Geld zu stopfen versucht. Mit einem Elterngeld in erklecklicher H\u00f6he zockt Ihr nur die anderen Eltern ab, denen das Erziehungsgeld in H\u00f6he von 300 Euro pro Monat \u00fcber <em>zwei Jahre<\/em> im Zuge der Umstellung auf das Elterngeld auf 50 Prozent gek\u00fcrzt wurde, weil sie dieselbe Summe nur noch <em>ein Jahr<\/em> lang beziehen. Meint Ihr immer noch:<\/p>\n<p><em><strong>Hauptsache Arbeit?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir sind der Meinung:<\/p>\n<p><em><strong>Hauptsache Leben!<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Jeder Mensch ist frei, <em>selbst<\/em> herauszufinden, wie er sich in die Gesellschaft einbringen m\u00f6chte, und jeder Mensch <em>wird<\/em> diesen Weg finden, wenn die Gesellschaft ihn darin bis zuletzt unterst\u00fctzt. Wir pfeifen auf Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit! Wir sind alle gleich und wir alle brauchen Gerechtigkeit in jedem Moment unseres Lebens. Wo keine ist, werden wir sie erk\u00e4mpfen! Und f\u00fcr den wirtschaftlichen Kreislaufprozess existiert bekanntlich die L\u00f6sung des bedingungslosen Grundeinkommens.<\/p>\n<p>Woran es nicht mangelt, ist L\u00f6sungen. Was uns fehlt, ist Eurer Wille, endlich mit den etablierten Parteien zu brechen, die sich in einer Verkrustung aus Nihilismus, Opportunismus und Faschismus verheddert haben, CDU, SPD, FDP, GR\u00dcNE, und stattdessen Parteien zu w\u00e4hlen, die <strong>Politik<\/strong> machen wollen, und sich bei diesen Parteien oder als Einzelpersonen zu engagieren!<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: \u201eHauptsache Arbeit?\u201c<\/p>\n<p>Fehlt Euch diese Arbeit eigentlich jetzt gerade eben?<\/p>\n<p>Oder arbeiten wir etwa gerade eben? Arbeiten wir gemeinsam im Dialog an einer menschen\u00adw\u00fcrdigen, lebenswerten Zukunft? Wenn es sich so verh\u00e4lt, freuen wir uns ganz besonders!<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Eure Aufmerksamkeit!<\/p>\n<p>Manfred Bartl<br \/>\nSprecher der Mainzer Initiative gegen HARTZ IV<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 13. Jeden-Monat-Demo am 19.05.2010 stellte die Gretchenfrage: Wieso &#8220;Hauptsache Arbeit&#8221;? Hier das Skript der Rede zur Abschlusskundgebung von Manfred Bartl: Liebe Mainzerinnen und Mainzer! Liebe gerade nicht Arbeitenden! Hauptsache Arbeit? Wir stellen Euch heute die Gretchenfrage. Nicht zuletzt ist dies unser Mittel, mit dem wir gegen den vom Neoliberalismus gepr\u00e4gten Zeitgeist demonstrieren. 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