Monthly Archives: September 2010

Fehlurteil beim Bundesverfassungsgericht!

Schon am 28.09.2010 ging über den Newsticker der Sueddeutschen Zeitung Online eine Nachricht, die gleich zwei handfeste Skandale birgt!

Der erste Skandal ergibt sich aus dem Titel des dpa-Stücks: “Rechtsbeihilfe bei Hartz IV: Kostenloser Anwalt nur in Not” – Wieso “nur“? Hartz IV steht für die Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitssuchende und wird ausbezahlt an Hilfebedürftige (sic!). Hartz IV ist also eine permanente Notlage! Selbst wenn “jemand, der den Anwalt bezahlen muss und sich deshalb überlegt, ob er seine Rechte nicht auch selbst wahrnehmen kann” (gegen den das Bundesverfassungsgericht die Hilfebedürftigen nämlich ausspielen will), sich nach reiflicher Entscheidung keinen Anwalt nimmt, weil er aus eigener Kraft damit fertigwerden könnte, heißt das noch lange nicht, dass Hilfebedürftige in einer durchaus vergleichbaren Situation nicht doch einen Anwalt nehmen müssten, weil im Falle einer möglichen Niederlage gleich ihre Existenzgrundlage auf dem Spiel stehen könnte!

Der zweite Skandal ergibt sich aus der konkreten Situation der Betroffenen: “Nachdem sie bereits in zwei Fällen selbst Widerspruch gegen Kürzungen eingelegt hatte – und damit zum Teil auch Erfolg hatte -, beauftragte sie in einem dritten Fall einen Anwalt, obwohl es sich um dieselbe Problematik handelte. Der Frau (…) war das Geld gekürzt worden, weil sie mehrmals über Wochen im Krankenhaus war und dort kostenlose Verpflegung bekam. Ihr Antrag auf Übernahme der Anwaltskosten im Wege der sogenannten Beratungshilfe wurde abgelehnt.” – Der Vorgang ist unerhört, denn selbst juristischen Laien wird deutlich, dass die Frau sich mit Hilfe des Anwalts nicht gegen eine eventuell diskussionswürdige Kürzung ihrer Regelleistung an sich wehren wollte, sondern global gegen die fortgesetzte illegale Praxis, ihr das Geld aus immer dem gleichen Anlass zu kürzen, obwohl ihr die ARGE oder die Optionskommune – oder gar das Sozialgericht – die Rechtswidrigkeit der Kürzung zuvor schon mehrfach bestätigt hatte. Der Frau wird dabei stets Geld zur Sicherung des Lebensunterhalts – das nicht umsonst ex ante ausbezahlt wird – über wer weiß wie lange Zeit vorenthalten. Der ARGE oder Optionskommune dieses rechtswidrige und menschenverachtende Verhalten abzugewöhnen, würde auch mir nur schwerlich ohne einen Anwalt und seinen fachlichen Einblick ins SGG, ins SGB I und X sowie weitere Spezialgesetze gelingen!

Perspektiven für ein soziales und demokratisches Rheinland-Pfalz

Landespolitisches Forum: Für ein soziales Rheinland-Pfalz
mit Vorträgen (u.a. mit Prof. Christoph Butterwegge), Workshops (u.a. mit Werner Rätz) und Podiumsdiskussion (u.a. mit Manfred Bartl, Sprecher der Mainzer Initiative gegen HARTZ IV und einer der Organisatoren der Mainzer Jeden-Monat-Demo)

Die soziale Frage in der Bundesrepublik Deutschland hat sich infolge der neoliberalen Politik und der jüngsten Finanz- und Weltwirtschaftskrise dramatisch verschärft. Tragweite und Auswirkungen dieser Systemkrise sind noch nicht absehbar. Wer trägt die Kosten, wer profitiert von der Krise?

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat im Juni 2010 das größte “Sparpaket” in der Geschichte der Bundesrepublik beschlossen. Die Kürzungsmaßnahmen stellen sich als ein Sammelsurium drastischer Maßnahmen gegen die breite Mehrheit der Bevölkerung dar. Besonders bei Hartz IV-Beziehenden, Arbeitslosen und Familien wird rigoros gekürzt, aber auch der Mittelstand ist existenziell bedroht. Dagegen ist die Beteiligung der großen Wirtschaftsunternehmen und der oberen Einkommen am Sparpaket rein kosmetischer Natur.

Wie der 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Landesregierung Rheinland-Pfalz zeigt, klafft die Schere zwischen Arm und Reich auch in unserem Bundesland immer weiter auseinander. Gerechte und solidarische Auswege aus der Krise müssen gefunden werden, damit sich die gesellschaftliche Spaltung nicht weiter vertieft.

Die Tagung verfolgt das Ziel, Lösungsansätze und Strategien zur Überwindung der grundfalschen “Sparpolitik” zu diskutieren. Welche Instrumente in den Bereichen Arbeit, Soziales und Armutsbekämpfung stehen zur Verfügung? Wie kann die Wirtschaft demokratisiert werden? Auf welchen Wegen kann die überfällige Umverteilung des Reichtums von oben nach unten eingeleitet werden?

Am 16.10.2010 von 10 bis 18 Uhr im Philosophicum der Johannes Gutenberg-Universität, Mainz

Die Podiumsdiskussion “Für eine gerechte Sozialpolitik in Rheinland-Pfalz” ist eingeplant für 16:30 – 18:00 Uhr.

Weitere Informationen auf der Homepage.

Jeden-Monat-Demo gegen Kürzungspaket

Die 17. Jeden-Monat-Demo am 15. September (Treffpunkt wie gewohnt um 12 Uhr am Münsterplatz) richtet sich gegen das Kürzungspaket der Bundesregierung, die mit dem euphemistischen Namen “Sparpaket” davon ablenkt, dass es sich erneut um Armut per Gesetz handelt.

Der Rentenbeitrag der Hartz-IV-Leistungsberechtigten – einst eines der ach so tollen Vorteile von Hartz IV gegenüber der alten Sozialhilfe und erst vor kurzem schon halbiert – soll nunmehr wieder ganz gestrichen werden, was nicht nur automatisch mehr Altersarmut nach zieht, sondern auch zu Ausfällen bei beruflichen Rehabilitationsmaßnahmen führt, für die eine laufende Anwartschaft bei der Deutschen Rentenversicherung Voraussetzung ist.

Bereits mehrfach haben wir auf die Probleme für werdende Eltern hingewiesen, von denen besonders hart diejenigen betroffen sein werden, deren Kind während des Bezugs von ALG I zur Welt kommt:

  • Das ALG I wird von 67 auf 65 Prozent gekürzt – trotz der Kinder!
  • Der Armutsgewöhnungszuschlag beim Übergang von ALG I zu ALG II wird gestrichen – für alle Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft!
  • Das Elterngeld für Hartz-IV-Leistungsberechtigte wird gestrichen!

Wie man sieht, leiden die Kinder politisch gewollt mit. Angesichts der Diskussion um die Folgen des Bundesverfassungsgerichtsurteils vom 9. Februar 2010 ist dies ein Hohn!

Auch die Diskussion um den Eckregelsatz sollte damit wieder befeuert werden, denn da von neoliberaler Seite immer wieder vorgehalten wird, dass das Bundesverfassungsgericht die Regelsatzhöhe an sich nicht als verfassungswidrig eingestuft hätte, betonen wir, dass diese Argumentation – soweit sie überhaupt zu halten ist – aber auch nur so lange standhält, als die Leistung insgesamt nicht angetastet wird – was sich nach diesen massiven Kürzungen gerade bei den Ärmsten der Armen nicht mehr aufrechterhalten lässt!

Kämpft mit uns gegen das asoziale Kürzungspaket der Bundesregierung!

Grundeinkommen-Film in Mainz

Am morgigen Dienstag geht das Programm für den sozialpolitisch Interessierten gleich weiter, wenn um 20 Uhr im Capitol Programmkino das Film-Essay zum Grundeinkommen von Daniel Häni und Enno Schmidt (CH 2008) gezeigt wird.

“Die Idee geistert schon seit vielen Jahren durch die Gesellschaft und findet inzwischen bei Experten aus der Wirtschaft und Arbeitgebern zunehmend Anerkennung: Das Grundeinkommen. Es wäre die denkbar radikalste sozialpolitische Veränderung, eine geschichtsträchtige Revolution, aber vielleicht auch nur der logische Schritt der momentanen Verhältnisse. Oder doch alles nur ein unrealistischer Wunschtraum der Unter- und Mittelschicht?”

Im Pressetext heißt es:

“Ein Film über das Zukunftsthema, das jeden angeht: Eine neue Art von Einkommen, bedingunglos für alle. Das löst Emotionen aus und viele Fragen. Mehr Möglichkeiten zur eigenen Initiative? Oder der Untergang der Leistungsgesellschaft? Und wie soll es bezahlt werden? Der Film mischt Festgefahrenes auf, zeigt Überraschendes, lässt mit- und weiterdenken. Der Film folgt der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, einer Idee, die neue Energien in alle gesellschaftlichen Bereiche bringt.”

Der Verein der Anthroposophischen Gesellschaft in Mainz veranstaltet diese Kinovorführung. Die Eintrittsgelder (6 € normal; 3 € ermäßigt) gehen komplett an den Verein, wodurch selbiger versucht, die Unkosten der Veranstaltung auszugleichen.

Kommender Treffpunkt verlegt!

Die Mainzer Initiative gegen HARTZ IV trifft sich morgen am Dienstag, den 07.09.2010, anders als üblich schon um 18 Uhr bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Showbühne Mainz (Große Bleiche 17).

Wir versuchen, jemanden für 19 Uhrbeim DGB-Haus bereitzustellen, der später Kommende zur Großen Bleiche umleitet, können es aber nicht versprechen…

Die Furcht vor dem Weniger I

Prekärer Wohlstand

Vortrag: PD Dr. Berthold Vogel, Sozialwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung sowie Professor für Makrosoziologie (in Vertretung) an der Universität Kassel

Moderation: Kathrin Anklam-Trapp MdL

Die bundesdeutsche Demokratie wurde lange Zeit als “Schönwetterdemokratie” bezeichnet, die allein daraus ihre Stabilität bezog, dass sie auf ein “Wirtschaftswunder” aufbauen und allen im Zuge des sogenannten “Fahrstuhleffekts” Hoffnung auf allgemeinen Aufstieg machen konnte. Nicht erst seit der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise stehen die Zeichen nun auf “Weniger”. Vieles spricht dafür, dass die Legitimität der politischen Gestalt der Gesellschaft in der Kritik steht. Die Ursachen hierfür liegen u.a. in den wachsenden materiellen Ungleichheiten sowie im sozialen Ungleichgewicht von Privilegien und Belastungen. Bei der Neujustierung des Wohlfahrtsstaates sind kollektive Aufstiegsversprechen nicht mehr einlösbar.

Was wird an ihre Stelle treten? Wie leistungsfähig sind die Steuerungs- und Sicherungssysteme des Wohlfahrtsstaates noch? Wer trägt welchen Anteil zum Gelingen von Gesellschaft bei? Welche Gruppen werden in welcher Weise politisch und wirtschaftlich in Anspruch genommen? Welche Gruppen müssen neue Privilegien erhalten? Und vor allen Dingen: Wo sind die Orte in der Gesellschaft, wer sind die sozialen Trägergruppen, die über die Qualität und Zukunft des Sozialen entscheiden?

Berthold Vogel, Sozialwissenschaftler am renommierten Hamburger Institut für Sozialforschung, beschäftigt sich mit den Herausforderungen einer in Wohlstandskonflikten verstrickten Gesellschaft und zeigt, dass darauf nur dann produktive Antworten zu finden sein werden, wenn der Staat weiterhin bereit ist, die gesellschaftlichen Beziehungen aktiv mitzugestalten.

Eingestimmt werden Sie durch das “Parkbankduo” mit Auszügen aus dem Programm “Arbeit hat frei”.

Die Reihe “Die Furcht vor dem Weniger” wird am 14. September (Thema: Selbstbestimmung) und 21. September (Thema: Grundeinkommen)  fortgesetzt. Auch dort werden wir wieder dabei sein! Zur Veranstaltung existiert ein PDF-Flyer zum Download. Die Flyer zu den weiteren Terminen sind hier und hier.

Spektakuläres Urteil am Sozialgericht Wiesbaden

Das Sozialgericht Wiesbaden hat in einem spektakulären Urteil beschlossen, dass bei Überzahlungen der ARGE an Hartz-IV-Leistungsberechtigte (bei Vorschüssen, der Anrechnung überhöhter fiktiver Einkommen etc.) auch die gesetzlichen Pfändungsgrenzen gelten. Was die ARGEn bisher einfach mit der laufenden Hilfe zur Sicherung des Lebensunterhalts verrechneten, fällt – zumindest bei den meisten Hartz-IV-Leistungsberechtigten – unter die Pfändungsgrenzen und darf daher künftig nicht mehr verrechnet werden, schon gar nicht ohne Einholung einer Erlaubnis!

Weitere Hintergründe bei Tacheles und dem Sozialticker.